Freispruch für sizilianischen Arzt

29. 10. 1957

Einen damals Aufsehen erregenden Artikel brachte die kommunistische Zeitung „La Voce de’l Popolo“ aus Brescello, dem Heimatort des KPI-Abgeordneten Giuseppe Bottazzi, heute vor 60 Jahren. La Voce de’l Popolo hatte, entweder aufgrund wahnwitziger Tapferkeit oder aus einer krassen Fehleinschätzung der sizilianischen Verhältnisse heraus, als einzige Zeitung in Italien darüber berichtet.

Giuseppe „Beppone“ Bottazzi
Bild: Wikimesia Commons

Wir bringen unseren Lesern heute eine Übersetzung jenes Artikels, welcher der Democrazia Cristiana in den folgenden Jahren noch erhebliche Probleme bescheren sollte.


Bruder von Spitzenpolitiker soll seine Kinder gequält haben, Freispruch nicht rechtskräftig

Corleone – Ein westsizilianischer Arzt ist Freitagabend im corleonesischen Bezirksgericht vom Vorwurf des jahrelangen Quälens seiner vier Kinder freigesprochen worden. Der 54-jährige Dottore Odoardo LoPresti, Bruder des DC Abgeordneten Don Rinaldo LoPresti, stritt alles ab. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Der Abgeordnete Don Rinaldo LoPresti, Bruder des Dottore

Der Vorsitzende des Gerichtshofes führte in seiner Urteilsbegründung aus: „Es ist zwar in der Familia viel passiert, aber aus den Akten und den heutigen Aussagen findet man keinen Anhaltspunkt, dass die Handlungen mit derartiger Intensität begangen wurden, dass es strafbar ist.“ Der ehrenwerte Richter sah in den Vorwürfen der Familienmitglieder vielmehr eine Vendetta der Gattin des Dottore LoPresti.

Unter anderem soll er sich einen Schraubenzieher in den Bauch gestochen und von einer Tochter verlangt haben, sie möge ihn, per favore, wieder herausziehen. Eine weitere Tochter soll er tablettenabhängig gemacht haben, indem er ihr Morfina spritzte.

Die Praxis des Dottore in Chiesa del Decano, Mandamento Corleone, ist derzeit geschlossen. Eine endgültige Entscheidung der sizilianischen Ärztekammer steht noch aus.

Die Verhandlung am Freitag war die Fortsetzung eines im Jänner unterbrochenen Gerichtsverfahrens. In der Zwischenzeit hatte der von der Procuratura bestellte psychiatrische Gutachter wegen angeblicher Interventionsversuche seine Befangenheit erklärt!

Kenner der corleonesischen Gepflogenheiten vermuten dahinter eine Einflußnahme der in Sizilien allmächtigen „Confraternita di San Giuseppe dalle teste di cavalli incrociate“ (Bruderschaft des heiligen Josef von den gekreuzten Pferdeköpfen).

KPI-Justizsprecher Giuseppe Bottazzi hat in Zusammenhang mit der dubiosen Befangenheitserklärung eine parlamentarische Anfrage an das Dipartimento di Giustizia gestellt. Aussagen der Kinder und anderer Zeugen seien nicht ausreichend gewürdigt, Beweise nicht vorgelegt worden. Der Freispruch sei ein „Skandalurteil“, sagte er am Freitag der Voce de’l Popolo.

Das Urteil liegt nun dem Corte di Cassazione in Palermo zur Überprüfung vor, welcher es kassieren und zur Neuverhandlung an die zuständigen Gerichte zurückverweisen wird, oder auch nicht. Nix genaues weiß man in Sizilien nicht.

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